natURsprung 2015 - ein Erfahrungsbericht

Sonntag, 26.07.2015

Mit dem Sachsenticket sammelt Wiebke uns am Neustädter Bahnhof ein. In Chemnitz treffen wir dann andere Teilnehmer aus Riesa und Leipzig und fahren weiter mit dem Bus bis nach Oberwiesenthal. Von dort ist es nur ein kleiner Spaziergang bis wir in der tschechischen Jugendherberge angekommen sind. Wir breiten uns erst einmal im ganzen Haus aus,  bis wir uns auf der Terrasse zur offiziellen Camp-Einführung treffen. Jeder bekommt ein Namensschild – sonst könnte ich mir die ganzen Namen nie merken. Nachmittags brechen wir endlich auf ins Gelände. Stefan hat seine Diplomarbeit über den Zechengrund geschrieben und kennt wahrscheinlich jeden einzelnen Strauch. Zum Glück erklärt er uns aber nicht jeden einzelnen Strauch, sondern gibt uns eine Übersicht über Flora, Fauna, Geomorphologie und historische Bewirtschaftung. Frank hat einen kleinen Beitrag über den Bergbau in der Region vorbereitet, dessen Spuren noch überall zu sehen sind.

Am Abend belehrt uns Ramona über den Arbeitsschutz. Das ist wichtig, denn der Sensenmann heißt nicht umsonst so. Der Tag mit vielen neuen Gesichtern endet mit Kartenspielen, bei Begleitung von Stefans Akkordeon.

Montag, 27.07.2015

Die Kuhglocke läutet um sieben Uhr. Zum Frühstück gehen wir rüber in die Pension. Arggh – Filterkaffe scheint in Tschechien nicht zum Standard zu gehören. Als wir dann auf dem, noch taufrischen Weg losmarschieren in Richtung Zechengrund, werde ich aber trotzdem schnell munter. Ich gehöre zur ersten Gruppe, das heißt wir beginnen mit dem Sensenkurs vom Lehrer des Sensenvereins Deutschlands e. V.. Als ich die Sense das erste Mal in der Hand halte, habe ich Respekt vor der riesigen, frisch geschärften Klinge. Langsam werden wir in die richtigen Bewegungsabläufe eingeführt. Der Sensenlehrer bietet sogar Kurse in meditativem Sensen an. Nach einer Weile sitzt auch bei mir der Bewegungsablauf und das gleichmäßige, halbkreisförmige Schwingen aus der Hüfte ist tatsächlich sehr entspannend. Und gut für den Rücken!

Nach dem Mittagessen werden wir von der zweiten Gruppe abgelöst und ziehen mit Ramona und Stefan los um etwas über die einheimische Pflanzenwelt zu lernen. Sicher wäre ich interessierter gewesen, wenn es nicht wie aus Kübeln geschüttet hätte. Als wir pitschnass sind, trinken wir in Tschechien einen schönen, heißen Kakao.

Der Abend wurde durch einen Vortrag vom Kreisnaturschutzbeauftragten Herrn Dittrich über das Tagfaltermonitoring im Erzgebirge gefüllt. Der Gruppe wurden unzählige Powerpoint Folien von Spinnern, Spannern und Schwärmern (Schmetterlingsarten) gezeigt. Wie zu oft haben wir es hier mit einem Experten zu tun, dem im Laufe der Zeit die Fähigkeit abhanden gekommen ist, mit Laien zu kommunizieren. Hängen geblieben ist, dass die einzelnen Schmetterlingsarten in ihrem eigenen absurd, komplexen ökologischen System leben und manche von ihnen noch echte wissenschaftliche Geheimnisse bergen. Das Bild eines jungen Neuntöter-Vogels der Schmetterlinge zur Lagerung an Dornensträuchern aufspießt, werde ich wohl so schnell auch nicht vergessen.

Dienstag, 28.07.2015

Nach dem Frühstück geht es im zügigen Tempo Richtung Zechengrund. Ich genieße die gesunde Luft des Waldes und das Zwitschern der Vögel. An der Wiese angekommen beginnt die Wiesenmahd. Durch den gestrigen Regentag, floss das Wasser den Hang nur so hinab. Ich stehe bei jedem zweiten Schritt wadentief im Wasser. Kein Vergnügen – aber dafür flutschte die Sense nur so durch das Gras. Was für ein Glück als die Pausen(KUH)glocke um 10.30 Uhr läutet - endlich einen warmen Tee. Der Vormittag war von weiteren Regenschauern durchzogen, die uns den Abtransport des Mahdgutes nicht gerade vereinfachen. Zum Mittagspicknick hat der Chefkoch Petr, gegenüber dem gestrigen Tag, ein deutlich besseres Lunch verpackt. Gut gestärkt führt uns Stefan auf den Fichtelberg hinauf. Der Weg über die Himmelsleiter ist nicht nur für mich ganz schön anstrengend, schniefend und schnaufend schleppt sich die Gruppe den Berg hinauf. Während des Aufstieges diskutieren wir über die sozialgeografische Bedeutung des „NSG Fichtelberg“ sowie den Wandel des Tourismuskonzeptes in Oberwiesenthal. Oben angekommen, pfeift mir der Wind nur so um die Ohren! Dafür werden wir mit einem grandiosen Ausblick in den Naturpark Erzgebirge/Vogtland belohnt. Der Abend wird abermals durch einen Vortrag, allerdings mit einem Diaprojektor, „wie nostalgisch!“ gefüllt. Das Thema des heutigen Abends ist Bergwiesenpflege, Moorrevitalisierung und Naturschutzgebiete im Naturpark Erzgebirge/Vogtland. Aber ich bin eh schon so müde, dass ich mich kaum konzentrieren kann.

Mittwoch, 29.07.2015

Da das Wetter seine sonnige und warme Seite zeigt, versuchen wir uns im Heu machen. Auf der Wiese zeigte uns Stefan wie Heu gemacht und gewendet bzw. aufgestreut wird. Sieht einfacher aus als es ist! Als die Pausen(KUH)glocke zum Mittag läutete waren schon große Flächen der ersten Wiesen gesenst. Stefan zeigt mir in dieser Zeit wie gedengelt wird. Eine ziemlich laute aber spaßige Aufgabe – könnte meine Lieblingsbeschäftigung werden. Nach dem Picknick machen wir uns zur Käuterwanderung mit Herrn Nestler vom lokalen Bauernhof auf. Endlich wird Bärwurzschnaps und –essig  angesetzt. Aber nicht nur Bärwurz wurde gesammelt sondern auch Wilder Thymian, Spitzwegerich und viele andere Heilkräuter. Aus all den gesammelten Kräutern stellten wir u.a. Kräuterquark und Kräuterbutter her – wirklich lecker! Heute gibt es keinen Vortrag. Neben einfach mal quatschen, spielen oder lesen können wir Samenbomben basteln und Papierschöpfen. Mit den Samenbomben tragen wir dann die geschützten Pflanzen des Zechengrundes in den Großstadtdschungel.

Donnerstag, 30.07.2015

Schlechte Neuigkeiten: Wir können kein Heu machen! Das Wetter ist eindeutig nicht sonnig genug. So dass, ich meine gestrige Arbeit doch abtransportieren muss. Das Abtransportieren auf großen Planen und mit BigBags ist die anstrengendste Arbeit – alle wollen lieber sensen! Nach dem unsere Kuhglocke zum Mittagessen läutet, heute gibt es Wraps, liefen wir zur Herberge zurück. Dort wartet Ronny Haase,  kurz Hoppe auf uns. Er ist veganer Koch aus Dresden und zeigt uns sein Handwerk. Wir produzieren alles selbst und stellen fest, dass Lebenswurst, Eiersalat und Hackfleisch auch als vegane Variante lecker ist. Eine andere Teilnehmerin hat für uns  alle Rezepte inkl. Mengenangabe notiert, so dass ich es zu Hause noch einmal nachkochen kann. Nachdem alle Zutaten verkocht waren setzen wir uns gemütlich ans Lagerfeuer und probieren mit den Betreur*innen und Biotoppfleger*innen unser Werk. Selbst Gottfried, ein leidenschaftlicher Fleischesser, musste zugeben dass die veganen Speisen auch lecker sind. Nach dem Essen stießen Herr Uhlig vom Heimatschutzverband und Herr Voigt zu unserer lustigen Runde dazu. Sie diskutieren mit uns über die Problematik des Naturschutzes im Erzgebirge. Ist ein erweiterter ÖPNV möglich? Warum werden nicht mehr Windkraftanlagen im Landkreis gebaut? In welchem Verhältnis steht der Kreisnaturschutzbeauftrage zum Tschechischen Partner? Die beiden loben unsere Arbeit und erfreuen sich, dass "Die Jugend" zu so etwas Lust hat.

Freitag 31.07.2015

Nach einer Nacht mit wenig Schlaf war der Weg zur Wiese am nächsten Morgen doch etwas beschwerlich. Aber bei herrlichstem Sonnenschein ging auch dieser Vormittag vorbei. Der Abtransport des nassen Schnittgrases in versteckte Orte im Gelände geht schneller vorüber als gedacht, so dass an diesem Vormittag feststeht, dass wir 0,9 ha Fläche Bergwiese gemäht und beräumt haben.  Gut gelaunt machen wir uns auf den Heimweg. Diesen Nachmittag steht auf dem Programm: „Angel dir deinen eigenen Fisch!“. Nicht jede bzw. jeder von uns kann oder will diese schwere Aufgabe übers Herz bringen. So wie mir, genügt einigen auch das zuschauen. Die immerhin acht geangelten, getöteten und ausgenommenen Forellen werden mit Bärwurz, Knoblauch und Butter gefüllt und anschließend im Backofen gegrillt. Da es der letzte gemeinsame Abend ist, führt uns Stefan in die Erzgebirgische Küche ein. Die Aufgabe besteht daraus sechs Heidelbeer Geetzen zu backen. Für mich sieht es aus wie Pfannkuchen mit Heidelbeeren obendrauf! Trotzdem sehr lecker und alle haben einen blauen Mund. Währenddessen brechen zwei Teilnehmer*innen zum Interviewtermin beim Radio Erzgebirge auf. Gebannt hängt der Rest daheim am Radiowecker und tatsächlich hören wir pünktlich um 18.45 die bekannten Stimmen. Sie erzählen von der Schönheit des Zechengrundes, der anstrengenden Arbeit mit der Handsense und dem gemütlichen Beisammen sein auf den Bergwiesen. Auch das einschneidende Erlebnis einen Fisch getötet zu haben, steckt ihnen noch hörbar in den Knochen. Für diesen gelungen Auftritt ernten die beiden viel Jubel. Nach dem reichhaltigen Essen, laufen wir mit vollen Bäuchen, zur Sommerradelbahn in Oberwiesenthal. Mit gut 30 km/h schießen wir bei Vollmond den Berg hinunter, was für ein Spaß! Einige sind regelrecht süchtig nach der wilden Verfolgungsjagd.

Samstag 01.08.2015

Wieder eine Nacht mit wenig Schlaf! Heute ging es zum letzten Mal Richtung Zechengrund. Das letzte bisschen Mahd muss abtransportiert werden und die Heidelbeeren werden beschnitten.  Der Wehmut ist groß – denn diese Landschaft mit ihrer artenreichen Bergwiese ist schon etwas Besonderes. Die Wanderer werden sich nächstes Jahr sicher sehr über die Blütenpracht freuen. Vor allem die Ruhe, die unzähligen Insekten und die würzige Waldluft werden mir in Dresden fehlen. Mit viel Muskelkraft transportierten wir alle Werkzeuge, Sense und weiteren Materialen zum Auto und zur Herberge zurück. In der Herberge angekommen, gibt  es eine letzten Abschiedsessen und die „feierliche“ Übergabe der Sensenscheine und Heukissen. Was für eine Überraschung – die Freue war bei allen groß. Einige von uns fuhren mit der Erzgebirgsbahn, ein historisches Kleinod, was noch mit Dampfkraft betrieben wird, zrück. Und so verstreuten sich die Teilnehmer*innen des BUND natURsprung Camps 2015 wieder in alle vier Himmelsrichtungen Sachsens.

Mein Resümee: Die Landschaft war beeindruckend, die Menschen ganz wundervoll und ich bin gern im nächsten Jahr wieder dabei!

Danksagung

Wir bedanken uns herzlich bei der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt für die Förderung des natURsprung Camps und die Biotoppflege im Naturschutzgebiet Fichtelberg.

 

Ein weiterer Dank geht an die SDG Fichtelbergbahn für eine Abreise der besonderen Art.

 

 

 

Bericht in der Freien Presse Annaberg

http://www.freiepresse.de/LOKALES/ERZGEBIRGE/ANNABERG/Jugendliche-maehen-Bergwiesen-mit-der-Sense-artikel9264865.php

 

Jugendliche mähen Bergwiesen mit der Sense

Praktischen Naturschutz hat ein Camp am Fichtelberg vermittelt. Keineswegs nur Sommeridylle für die Teilnehmer.

Von Antje Flath
erschienen am 03.08.2015

 


Sie haben es in sich, die steilen Hänge des mittleren Zechengrundes in Oberwiesenthal. Dennoch wurden die Bergwiesen in der vergangenen Woche im Rahmen eines Jugendcamps mit der Sense gemäht.

Foto: Stefan Escher

 

Oberwiesenthal. Vierzehn junge Frauen und Männer haben in den zurückliegenden sieben Tagen fast täglich die Sense in die Hand genommen und die steilen Hänge des mittleren Zechengrundes am Fichtelberg in Oberwiesenthal erklommen. In einem einwöchigen Camp der Regionalgruppe Dresden des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland haben sie so die historische Mahd der Bergwiesen erlernt - und damit einen wichtigen Beitrag zum Naturschutz geleistet.

Die Bergwiesen-Biotope, wie das im Naturschutzgebiet am Fichtelberg, entstanden einst durch althergebrachte Bewirtschaftungsmethoden wie Beweidung und Heumahd. Heutzutage bedarf der Erhalt dieser Kulturlandschaft einer aufwendigen Pflege durch Naturschützer, erläutert Ramona Hodam vom Verein. Viele der dort vorkommenden arktisch-alpinen Pflanzen- und Tierarten seien für Sachsen einmalig. Als Beispiel nennt sie den Blauen Tarant - einen Sumpfenzian. Und Jutta Wieding ergänzt: "Es ist wichtig, den Naturschutz in Handarbeit zu leisten." Die könne gerade in diesem schwierigen Gelände nicht durch Maschinen ersetzt werden. Erfahrene Naturführer des Vereines vermittelten ihr Wissen an die Jugendlichen, die vorrangig aus dem Stadtgebiet von Dresden kommen. Bei Wanderungen und Vorträgen haben sie zudem mehr über die Besonderheiten des Erzgebirges erfahren, eine Einführung in veganes Kochen und in die Herstellung von Recycling-Papier erhalten.